241. LEOPOLD MOZART AN SEINE FRAU, SALZBURG

À Madame / Madame Marie Anne / Mozart / à / Salzbourg

Verona, 18. August 1771

Meinen kleinen Brief aus Botzen wirst Du richtig empfangen haben. Nun will ich Dir ausführlicher schreiben. Der erste Tag unserer Abreise war ein artiges Mischmasch.
Im Kalterl aßen wir stehenden Fußes ein paar Stückchen Tellerfleisch unter der Zeit, als der Postkutscher den Pferden ein wenig Heu gab, und tranken eine Mass recht guten Märzenbieres dazu. In Waidring aßen wir eine Suppe und tranken ein gar nicht übles St. Johanser Bier dazu. In St. Johanns aßen wir zur Nacht und den 14. speisten wir auf der Post zu Kundl und nachts in Innsprugg. Den 15. mittags in Steinach, nachts in brixen. Den 16. mittags in Botzen, nachts in Trient. Den 17. um 9 Uhr vormittags langten wir in Roveredo an, in der Meinung, nachts in Verona zu sein und die zwei Herrn Piccini in Alla auf Mittag zu überfallen. Wir würden auch richtig um die Mittagsstunde dort eingetroffen sein, wenn wir uns nicht erstens bei Herrn Baron Pizzini in Roveredo (da auch gleich Herr Doktor Bridi kam) zu lange verweilt und erst um halb 11 Uhr abgereist [wären] und dann auf dem Weg nicht so viele Hindernisse gehabt hätten, da uns Herr Lolli, der berühmte Violinspieler, entgegen kam und folglich die Postkutscher die Pferde abwechselten und überdies die Bauernfuhren uns manche Hindernisse in engen Wegen verursachten. Wir langten demnach erst gegen 1 Uhr Nachmittag bei den zwei Herrn Piccini in Alla an; und ich entschloss mich, schon ehe ich dahin kam, dort zu verbleiben, weil ich es nicht wagen wollte, nach Verona zu gehen, indem sie dort um [die] Ave Maria-Zeit die Tore sperren, überdies die Hitze sehr groß war und wir in unseren Reisekleidern heute bequemer in Alla als in Verona in die Kirche gehen konnten. In alla unterhielten wir uns mit Musik oder wir unterhielten vielmehr sie und reisten heute erst um 7 Uhr von da nach Verona, wo wir um halb 1 Uhr bei Herrn Luggiati abstiegen und um 1 Uhr zum Mittagsmahl gingen. Jetzt nach Tisch hat sich alles schlafen gelegt und ich bediene mich der Zeit, mit einer elenden Feder unter einer nicht kleinen Hitze diesen Brief herzuschmieren. Den Wolfgang habe [ich] mit viel Mühe auch zum Schlafen beredet; allein es dauerte sein Schlaf nur eine halbe Stunde. Nun muss [ich] Dir sagen, dass ich in der Eile vergessen habe, einige Klaviersonaten und Trios für einen guten Freund in Mayland mitzunehmen, der uns viele Dienste getan [hat]. Wenn nun Herr Troger nach Salzburg kommt, so bitte ihn solche mitzunehmen und richte solche unterdessen in Ordnung. Die Nannerl soll also die zwei Trios heraussuchen, eines vom Joseph Haydn in F mit einer Violine und Violoncello und eines in C., [es] steht darauf "Wagenseil" übrigens mit Variationen und das vom Adlgasser in G, die kleine Kassation vom Wolfgang in C und etliche gute Sonaten von Rutini, zum Beispiel aus dem Es, aus dem D etc. Die Nannerl hat solche doch, wenn sie selbst spielen will, denn sie sind in den gestochenen Rutinischen Sonaten von Nürnberg. Mache unsere Empfehlung an Herrn Troger und bittet ihn, dass er Euch bei Seiner Exzellenz Herrn Graf von Firmian aufführe, um Eure Komplimente zu machen, wir haben ihm viele Verbindlichkeiten, und unterlasst es nicht. Sobald es möglich [ist], werde [ich] von Mayland schreiben, lebt gesund, wir küssen Euch viele 100000 Mal und [ich] bin
Dein alter Mzt mp

Schön geschrieben! Meine Empfehlung an alle guten Freunde und Freundinnen!

NACHSCHRIFT MOZARTS AN SEINE SCHWESTER

Allerliebste Schwester.
Ich habe nicht mehr als eine halbe Stunde geschlafen, denn das Schlafen nach dem Essen freut mich nicht. Du kannst hoffen, glauben, meinen, der Meinung sein, in der steten Hoffnung verharren, gut befinden, Dir einbilden, Dir vorstellen, in Zuversicht leben, dass wir gesund sind, aber gewiss kann ich Dir Nachricht geben.
Ich muss eilen. Addio. Mein Kompliment an alle guten Freunde und Freundinnen. Dem Herrn von hefner wünsche Glück zur Reise anstatt meiner, frage ihn, ob er die Annamiedl nicht gesehen [hat]?
Addio. Lebe gesund. Meinen Handkuss an die Mama.
Schöne Schrift!
Wolfgang.