239. LEOPOLD MOZART AN GIOVANNI LUCA PALLAVICINI, BOLOGNA

Exzellenz!

Ich habe noch nie soviel Kummer im Herzen gehabt wie jenen, den ich spüre, da ich mir den Vorwurf mache, den schändlichen Titel eines Undankbaren irgendwie verdient zu haben, weil ich es bis jetzt versäumt habe, Eurer Exzellenz Nachricht von uns zu geben. Meine mangelnde Fähigkeit auf Italienisch zu schreiben, veranlasste mich, die Erfüllung meiner Pflicht von Zeit zu Zeit zu verschieben, umso mehr da ich überzeugt war, dass Eure Exzellenz nie aufrichtiger Meldungen über den Erfolg meines Sohnes in Mailand ermangelt haben, sichere, unparteiische Meldungen, und so von höherem Wert gemäß dem Sprichwort: Eigenlob stinkt etc. Jetzt, da wir, Gott sei Dank, gesund und munter in Salzburg sind, nehme ich mir die Freiheit Eure Exzellenz mit diesem Brief zu belästigen und zu benachrichtigen, dass ich kurz nach unserer Ankunft einen Brief von der Mailänder Theaterintendanz erhalten habe, in dem meinem Sohn aufgetragen wird, die Karnevalsoper des Jahres 1773 zu schreiben, und dass er kurz danach, Anfang des nächsten September, nach Mailand gerufen ist, um die Serenade beziehungsweise die theatralische Kantate anlässlich der Hochzeit Seiner Königlichen Majestät Erzherzog Ferdinand zu schreiben, ein um so ehrenvollerers Zusammentreffen, da der älteste Meister, der Herr Adolf Hasse, genannt "il Sassone", die Oper schreiben wird und der jüngste Meister die Serenata; ein gewisser Herr Abate Porini verfasst gerade die Poesie für diese Kantate, die, wie man mir aus Wien schreibt, Mitte nächsten Monats fertig sein und den Titel "Ascanio in Alba" haben wird.
In der Zwischenzeit komponiert mein Sohn ein Oratorium von Metastasio für Padua, das vom Herrn Don Giuseppe Ximenes, dem Fürsten von Aragon, bestellt worden ist. Dieses Oratorium werde ich durch Verona kommend nach Padua zum Kopieren schicken und auf der Rückkehr von Mailand werden wir nach Padua gehen, um dessen Probe zu hören.
Vater und Sohn danken Eurer Exzellenz für die vielen empfangenen Liebenswürdigkeiten und empfehlen sich demütigst Eurer Exzellenz, Ihrer Exzellenz der Frau Gräfin, unserer Herrin, dem hochwohlgeborenen kleinen Herrn Grafen und bitten, uns Ihre Liebenswürdigkeit zu bewahren, indem ich gemeinsam mit meinem Sohn mit allem Eifer und in größter Verehrung verbleibe Eurer Exzellenz
untertänigster, ergebenster und gehorsamster
Diener
Leopold Mozart
Salzburg, den 19. Juli 1771.