204. LEOPOLD MOZART AN SEINE FRAU, SALZBURG

À Madame / Madame Marie Anne / Mozart / à / Salzbourg / per Mantova.

Bologna, den 21. August 1770.

Mein Fuß ist gottlob vollkommen gut. Wir sind noch auf dem Landgut alla Croce del Biacco, welches dem Graf Bolognetti gehört und auf gewisse Jahre Herr Graf Pallavicini in Bestand hat. Den 30. dieses Monats wird das jährliche große Fest sein, welches alle Jahre die Mitglieder der Bologneser Philharmonischen Gesellschaft mit Vesper und Hochamt prächtigst abhalten. Das werden wir hören, wahrscheinlich aber dann bald abreisen. Wohin? -- -- Das ist noch nicht völlig richtig.
Inzwischen schreibe Du allzeit nach Bologna, ich werde schon Anstalten machen, dass ich die Briefe richtig erhalte. Wenn ich nach Pisa, Luca, Livorno und Genua gehe, so komme [ich] noch einmal nach Florenz. Für den Glückwunsch des Herrn Doktor Agliardi lasse [ich] mich bedanken und ihm nebst meiner Empfehlung sagen, dass es nur, wie [ich] hoffe, ein blinder Lärm und gar nicht ernst war; denn ich habe es mit warmen Überschlägen von Wasser, worin ich Holunder gekocht [habe], vertrieben.
Die wenige Wärme, so wir hier hatten, ist nach einem mit starkem Regen begleiteten Donnerwetter verschwunden. Den verflossenen 18. habe [ich] nicht schreiben können, weil ich mit der Gräfin Exzellenz ausfahren musste, und da wir spät nach Hause kamen, waren die Briefe des Herrn Feldmarschals schon in die Stadt geschickt. Die Unglücke, die in der Insel St: Domenico das große Erdbeben angerichtet [haben], werden Euch allen aus den Zeitungen bekannt sein.
Die Herrn Kaufleute werden wohl dadurch Gelegenheit nehmen, mit dem Zucker aufzuschlagen, weil die Zuckerplantagen dort zugrunde gerichtet worden [sind].
Wir befinden uns gottlob bei Feigen, Melonen und anderen Früchten, die wir sehr mäßig essen, sehr wohl. Abends, etwa zwei Stunden vor Tisch, essen wir eine gewisse Frucht, die [ich] niemals als in Gemälden gesehen habe und die einen Geschmack wie Gurke hat. Es ist eine runde, große Frucht mit einer grünen Schale, wenn es voneinander und in viele Stücke geschnitten wird, so sieht es sehr gut aus, denn es ist blass rot, nämlich das Innere oder der Kern. Man nennt diese Frucht Wassermelone, auch Gurke oder Kürbis, aber das sind die guten und nicht die wilden Kürbisse. Man isst sie mit Zucker und Zimt. Ich schließe, denn ich habe noch zwei Briefe nach Mayland und Rom zu schreiben. Wir küssen Euch beide 1000 Mal und [ich] bin Dein alter
Mozart mp

Unsere Empfehlung an alle Freunde und Freundinnen in und außer dem Hause.

NACHSCHRIFT MOZARTS

Ich bin auch noch lebendig und zwar sehr lustig. Heute kam mir die Lust, auf einem Esel zu reiten, denn in Italien ist es der Brauch, und also habe ich gedacht, ich muss es doch auch probieren. Wir haben die Ehre, mit einem gewissen Dominikaner umzugehen, welcher für heilig gehalten wird, ich zwar glaube es nicht recht, denn er nimmt zum Frühstück oft eine Tasse Schokolade, gleich darauf ein gutes Glas starken spanischen Wein, und ich habe selbst die Ehre gehabt, mit diesem Heiligen zu speisen, welcher brav Wein und zuletzt ein ganzes Glas voll starken Wein bei der Tafel getrunken hat, zwei gute Schnitten Melone, Pfirsich, Birne, fünf Schalen Kaffee, einen ganzen Teller voller Vögel, zwei volle Teller von Milch mit Zitronen; doch dieses könnte er mit Fleiß tun, aber ich glaube nicht, denn dieses wäre zu viel, und aber er nimmt viele Sachen zum Imbiss am Nachmittag. Addio. Lebe wohl: Küsse der Mama anstatt meiner die Hände. An alle die mich kennen mein Kompliment. Wolfgang Mozart, 1770

P. S.: Wir sind bekannt geworden mit einem gewissen deutschen Dominikaner, welcher sich Pater Cantor nennt, er hat mir gesagt, dass ich ein Kompliment an Herrn Hagenauer Bildhauer solle von ihm nach Salzburg schreiben, denn er sagte mir, dass, als er zu Bologna war, er ihm allzeit beichtete. Addio.

NACHSCHRIFT LEOPOLD MOZARTS

Herr Meuricoffre hat mir einen Befehl an Euch beide überschrieben; er hat uns gewiss viele Höflichkeiten in Neapl erwiesen und schreibt mir noch immer.