171. LEOPOLD MOZART AN SEINE FRAU, SALZBURG

À Madame / Madame Marie Anne Mozart / à / Salzbourg

Bologna, den 27. März 1770

In Parma habe ich an Seine Exzellenz Herrn Obersthofmeister und hier unter dem 24. dieses Monats an Seine Hochfürstliche Gnaden und auch an Dich geschrieben. Ich erwarte, ob alle diese Briefe richtig angelangt sind, Deine Antwort. Gestern war bei Seiner Exzellenz Herrn Feldmarschall Grafen Pallavicini ein Konzert, dazu Seine Eminenz der Kardinal und der erste Adel eingeladen wurden. Du kennst Seine Exzellenz Graf Carl von Firmian; nun wünschte ich, dass Du auch Seine Exzellenz Graf Pallavicini kennen möchtest. Dies sind zwei Herren, die in allen Stücken gleiche Denkungsart, Freundlichkeit, Großmut, Gelassenheit und eine besondere Liebe und Einsicht in alle Gattungen der Wissenschaften besitzen. Sonntags hatte ich die Gnade, Seiner Exzellenz dem Herrn Graf Pallavicini aufzuwarten und ihm das Schreiben Seiner Exzellenz Graf von Firmian zu überreichen; und kaum hörte er, dass ich in der Karwoche in Rom einzutreffen gedenke, sagte er mir gleich, er wolle trachten, es so einzurichten, dass er morgen das Vergnügen haben möge, diesen außerordentlichen, jungen Virtuosen nicht nur allein zu hören, sondern auch dem ersten Adel hiesiger Stadt das nämliche Vergnügen zu verschaffen. Alle die Umstände, mit welchen wir in Seiner Exzellenz Wagen abgeholt und wie wir bedient wurden, will ich alles nicht berühren und nur melden, dass etwa 150 Personen des ersten Adels zugegen waren etc. Der berühmte Pater Martino ward auch eingeladen; und obwohl er sonst niemals in ein Konzert geht, so kam er dennoch: Und dieses Konzert fing etwa um halb acht Uhr an und dauerte bis halb zwölf Uhr, weil der Adel keinen Aufbruch machte. Herr Abrile und Herr Cicognani sangen.
Übermorgen, donnerstags den 29., werden wir abreisen und Freitag abends in Florenz eintreffen, wo wir bis den 5. verbleiben und dann unsere Reise nach Rom fortsetzen, so dass wir den 11. mittags in Rom eintreffen können, wenn Gott keine Hindernisse dazwischen setzt. Was mich besonders vergnügt ist, dass wir hier ungemein beliebt sind und dass der Wolfgang hier noch mehr bewundert wird als in allen anderen Städten Italiens: Weil hier der Sitz und Wohnplatz von vielen Meistern, Künstlern und gelehrten Leuten ist. Hier ist er auch am stärksten versucht worden und dies vergrößert seinen Ruhm durch ganz Italien, weil der Pater Martino der Italiener Abgott ist und dieser mit solcher Verwunderung von dem Wolfgang spricht und alle Proben mit ihm gemacht hat.
Wir haben den Pater Martino zweimal besucht: Und jedes Mal hat der Wolfgang eine Fuge ausgeführt, davon der Pater Martino nur den Dux oder das Thema mit etlichen Noten aufgeschrieben hat. Wir haben den Herrn Don Broschi oder sogenannten Herrn Farinelli auf seinem Gut außerhalb der Stadt besucht. Wir haben die Spagnoletta hier gefunden, weil sie in der Oper, die im Mai gespielt wird, erste Sängerin sein wird und zwar anstatt der Gabrieli, welche noch in Palermo ist und die Bologneser versetzt hat. Vermutlich wird sie auch die Mailänder versetzen.
Wir haben den Herrn Manfredini hier angetroffen, jenen Kastraten nämlich, der mit dem Herrn Panter aus Wien von Russland kommend bei uns in Salzburg war etc. etc.
Ein gewisser alter Herr Priester Zanardi lässt sich samt mir dem Herrn Andrino empfehlen. Einige haben sich wegen dem Herrn Kapellmeister Lolli erkundigt. Herr Brinsechi und viele Leute haben nach dem Herrn Hofbildhauer gefragt, alle empfehlen sich ihm samt mir.
Wir sind in dem Institut gewesen und haben des Herrn Hofbildhauers schöne Statuen gesehen. Was ich hier alles gesehen [habe] übertrifft das Museum Britanicum: Denn hier sind nicht nur die Naturseltenheiten, sondern alles, was nur immer Wissenschaft heißt, gleich einem Lexikon, in schönen Zimmern reinlich und ordentlich verwahrt zu sehen: Kurz! Du würdest erstaunen etc. Von Kirchen, Malereien, schöner Baukunst und Einrichtung verschiedener Paläste will ich gar nichts sagen, weil ich vor Schlaf ohnedem kaum schreiben kann, denn es ist 1 Uhr in der Nacht vorbei, der Wolfgang schnarcht schon lang und ich schlafe beim Schreiben ein.
Wegen dem Pferdchen hast Du gar nicht die mindeste Meldung zu machen. Denn derjenige, der meine Sache ohne mein Wissen und Willen verschenket, wird mir solche mit etwas Besserem ersetzen; besonders wenn er ein Herr ist, der nicht anders als edel denken kann.
Dass Du nach Leipzig schreiben lässt, ist gut. Lasse auch an Herrn Gräffer schreiben oder an Heufeld. Lebe wohl! Lebt alle wohl, ich küsse Dich und die Nannerl 1000 Mal. Meine Empfehlung an ganz Salzburg -- ich bin Dein getreuer und schläfriger Mann
Mzt mp

Es war eben kein übler Gedanke, die Ballmenuette uns bis nach Bologna zu schicken, um solche aufs Klavier zu setzen, weil niemand in Salzburg ist, der dieses hätte tun können. Der Wolfgang hat übrigens die größte Freude gehabt, er dankt dem Herrn von Schiedenhofen und der Nannerl. Er wird selbst nächstens schreiben, denn gestern schrieb ich, da er schon im Bette lag und heute setzte [ich] dieses bei, da er noch schläft, weil die Post gleich abgeht. Hier schickt er das Menuett, so Herr Pick auf dem Theater in Mayland getanzt hat. Wir empfehlen uns nochmals allen guten Freunden, und ich bitte Herrn von Schidenhofen, Herrn von Mölk und andere, die mir geschrieben [haben], mir doch nicht übel zu nehmen, dass [ich] nicht antworte. Ich hoffe, sie werden überlegen und einsehen, was ein Reisender zu tun hat, besonders da ich alleine bin. Kommabit aliquando Zeitus bequemmus schreibendi. nunc Kopfus meus semper vollus est multis gedankibus.* Der Wolfgang küsst Dich und die Nannerl 1000 Mal.
Die Briefe schickst Du immer nach Mayland an Herrn Troger. Ich bekomme sie richtig und [sie] kosten mich nicht viel. Wenn wir in Rom sind, werde [ich] weiter deswegen schreiben.
Unter den Medizinrezepten wirst Du (ich glaube auf einem langen Papier) unter anderem das Rezept von einer Brustarznei finden, die ich mir, wie Du weißt, oft habe machen lassen. Lasse sie in dem nächsten Brief hinein deutlich kopieren. Es fehlt mir gottlob gar nichts; allein ich dachte auf diese Huflatticharznei, weil man nicht weiß, was vorfallen kann. Das Medizinpapier haben wir (gottlob) nur einmal bis jetzt eröffnet, und zwar um dem Wolfgang einen Löffel voll Weinstein zu geben

NACHSCHRIFT AUF EINEM NOTENBLATT SEINES SOHNES

Der Pater Martino hat mich um eine Violinschule gebeten, Du musst also mit Herrn Kaufmann Hafner sprechen, dass er die Güte hat, eine mit sich nach Bozen zu nehmen, und mit Gelegenheit einen Leinwand-Ballen, solche dem Herrn Brinsechi beizupacken.
Du musst solche aber vorher einbinden lassen,
aber nur in [einem] italienischen Einband, ganz leicht: Aber eingebunden muss es sein, weil die Italiener den Bericht an den Buchbinder nicht verstünden.

*[Es werden bessere Zeiten zum Schreiben kommen. Jetzt ist mein Kopf immer voll mit vielen Gedanken.]