158. WOLFGANG AMADEUS MOZART AN SEINE SCHWESTER, SALZBURG

Mich freut es recht von ganzem Herzen, dass Du bei dieser Schlittenfahrt Dich so sehr ergötzt hast und wünsche Dir tausend Gelegenheiten zur Ergötzung, damit Du recht lustig Dein Leben zubringen mögest.
Aber eines verdrießt mich, dass Du den Herrn von Mölk so unendlich seufzen und leiden hast lassen und dass Du mit ihm nicht Schlitten gefahren bist, damit er Dich hätte umschmeißen können. Wieviel Taschentücher wird er nicht den selbigen Tag wegen Deiner gebraucht haben vor Weinen; er wird zwar schon vorher 2 Lot Weinstein eingenommen haben, die ihm die grausame Unreinheit seines Leibes, die er besitzt, ausgetrieben wird haben. Neues weiß ich nichts, als dass Herr Gelehrt, der Poet zu Leipzig, gestorben ist und dann nach seinem Tod keine Poesien mehr gemacht hat. Eben, ehe ich diesen Brief angefanget habe, habe ich eine Arie aus dem "Demetrio" verfertigt, welche anfängt so:

Misero Tu non sei:
Tu spieghi il Tuo Dolore;
e se non desti amore;
Ritrovi almen pietà.

Misera ben son io
che nel segretto laccio
amo, non spero e taccio
e l'idol mio nol sà.*

Die Oper zu Mantua ist hübsch gewesen, sie haben den "Demetrio" gespielt, die erste Sängerin singt gut, aber still und wenn man sie nicht spielen sah, sondern singen nur allein, so meinte man, sie sänge nicht, denn den Mund kann sie nicht öffnen, sondern winselt alles her, welches uns aber nichts Neues ist, zu hören. Die zweite Sängerin macht ein Ansehen wie ein Grenadier und hat auch eine starke Stimme und singt wahrhaftig nicht übel, [bis] auf das, dass sie das erste Mal spielt. Der erste Sänger, der Kastrat, singt schön, aber [er hat] eine ungleiche Stimme, er nennt sich Casselli.
Der zweite Sänger ist schon alt und mir gefält er nicht, er nennt sich ##Leerstelle, Platz für ein Wort. Tenor. Einer nennt sich Otini, welcher nicht übel singt, aber halt schwer wie alle italienischen Tenöre, und [er] ist unser sehr guter Freund, der andere weiß ich nicht, wie er sich nennt, er ist jung noch, aber [hat] nicht viel Seltenes. Erster Tänzer: gut. Erste Tänzerin: gut, und man sagt, sie sei gar kein Hund, ich aber habe sie zwar in der Nähe nicht gesehen, die Übrigen aber wie alle Anderen: Ein Groteskentänzer ist da gewesen, der gut springt, aber nicht so schreibt wie ich: Wie die Sau urinieren.
Das Orchester ist nicht übel gewesen. Zu Cremona: das Orchester gut, und der erste Violinist nennt sich Spangnoletto. Erste Sängerin: nicht übel, schon alt, glaube ich, wie ein Hund, singt nicht so gut, als sie spielt und ist die Frau eines Violinisten, der bei der Oper mitgeigt und sie nennt sich Masi. Die Oper nennt sich: "La clemenza di Tito". Zweite Sängerin: auf dem Theater kein Hund, jung, aber nichts Seltenes. Erster Sänger: Kastrat cichognani. Eine hübsche Stimme und ein schöner Gesang. Die anderen zwei Kastraten, jung und passabel. [Der] Tenor nennt sich: ich weiß es nicht. Hat ein angenehmes Wesen an sich, sieht dem le Roi zu Wien, der zum leman ist hingekommen, natürlich gleich. Erster Tänzer: gut, erste Tänzerin: gut und ein sehr großer Hund.
Eine Tänzerin ist dort gewesen, die nicht übel getanzt hat, und was das nicht für ein Meisterwerk ist, außer dem Theater und in dem Theater kein Hund ist. Die Übrigen wie alle. Ein Groteskentänzer ist auch dort gewesen, der bei einem jeden Sprung einen streichen hat lassen. Von Milano kann ich Dir wahrhaftig nicht viel schreiben, wir waren noch nicht in der Oper, wir haben gehört, dass die Oper keinen Erfolg gehabt hat. Aprile, erster Sänger, singt gut, hat eine schöne gleiche Stimme, wir haben ihn gehört in einer Kirche, wo gerade ein großes Fest war: Frau piccinelli von Paris, welche bei unserem Konzert gesungen hat, spielt bei der Oper: Herr Bicch, welcher zu Wien tanzte, tanzt hier zu Milano. Die Oper nennt sich: "Didone abbandonata". Diese Oper wird bald aufhören und Herr piccini, welcher die zukünftige Oper schreibt, ist hier in Milano. Habe gehört, seine Oper heißt: "Cesare in Egitto". Es sind auch Tanzfeste hier, denn sobald die Oper aus ist, nimmt dann das Tanzfest seinen Anfang. Die Haushofmeisterin des Grafen von Firminan ist eine Wienerin und vergangenen Freitag haben wir dort gespeist und zukünftigen Sonntag werden wir auch dort speisen. Lebe wohl und küsse der Mama an meiner Stelle tausend Mal die Hände, ich bleibe Dein bis in [den] Tod getreuer Bruder
Wolfgang De Mozart
Edler von Hochental
Freund des Zahlhausens.

den 26. Januar 1770.

*[Du bist nicht elend:
Du äußerst deinen Schmerz,
und wenn Du keine Liebe erweckst,
so findest Du wenigstens Mitleid.

Ich dagegen bin elend,
die ich in einer geheimen Bindung
liebe, nicht hoffe und schweige,
und mein Angebeteter weiß es nicht.]