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Bologna den 21 Julij 1770
Mein und des Wolfgangerls Glückwunsch zu Deinem und der Nannerl Nahmenstage footnote1 kommt zwar spät, aber hoffentl: noch in der Octav. du wirst dir es wohl so eingebildet haben, da du gewust hast, daß wir auf der Reise sind.
ich nahm mir zwar vor unter weegs zu schreiben; allein der Brief würde nach Venedig und von da erst vielleicht gar über Wienn nach Salzb: gelaufen seyn.
Wir gratulieren euch hiemit beyde von Herzen und wünschn euch die Gesundheit, vor allem aber die Gnad Gottes, sonst haben wir nichts nötig, daß übrige findet sich alles. Wir sind den 10 Julij abends um 6 uhr von Rom mit einem Vetturino abgereist, die ganze Nacht ohne schlaffen fortgefahren und morgens um 5 uhr in Civita Castellana angelangt, aldort chioccolate getrunken, uns aufs Beth geworffen bis 10 uhr geschlaffen, dann in der Domkirche eine hl: Mess gehört, nach derselben hat der Wolfg: auf der Orgel gespielt, dann haben wir Mittag gespeiset, uns wieder ein paar stunde schlafen gelegt, und gegen halbe 5 uhr abends abgereist.
wir sind aber nur die erste Tagreise die ganze Nacht gefahren aus vorsorge wegen der Malaria. die übrigen täge sind wir allezeit morgens um 3 oder 4 uhr morgens ausgefahren, bis etwa 8 uhr oder 9 uhr, dann sind wir geblieben bis abends um 4 uhr und wieder bis 8 oder 9 uhr in die Nacht gefahren. übrigens war dieses eine der mühesammsten Reisen die ich gemacht habe. theils wegen des wenigen und unterbrochnen schlafes, theils wegen der unglaub menge des ungezifers der flöhe und wanzen, die auch einen ganz ermüdeten Cörper nicht schlaffen lassen, sonderheitl: aber wegen meinem fuss, footnote2 welcher, ob er gleich zimmlich gut war, durch die beständige Erschütterung des fahrens nicht nur wieder offen geworden, sondern unten so sehr aufgeschwollen, daß der Waden und untere theil in einer grösse war.
ich konnte also meine gänge nicht machen und muste mich begnügen alles überhaupts nur zu sehen und mehrentheils bedacht seyn meinen fuss, so oft wir anglangten auf das Beth zu legen. Es traf eben auf den 16ten, daß wir unsere Andacht in Loretto machten. ich habe 6 Glöckl und verschiedene andere Sachen gekauft. NB nebst Reliquien bringe ich auch einen heil: Kreuz Particul v. Rom mit.
zu Sinegaglia haben wir den H: Brinsechi angetroffen, weil itzt der berühmte jahrmarkt alda ist, den wir auch in augenschein genommen, und der würdig zu sehen ist. die ganze Seeküste von Loretto bis Rimmini ist mit soldaten und sbirri footnote3 besetzt, deren etwa 150, 200, auch 300 schritt von einander allzeit ein piquet stehet, so wie auch an der höhe ein und anderer Berge, um zu verhindern, daß die Seerauber nicht anlanden, und die reisenden beunruhigen können. davon werde dir seiner Zeit mehrers erzehlen könen. den 20ten footnote4 sind wir hier morgens um 8 uhr angelangt, nämlich gestern.
meine erste Sorge war den ganzen tag auf dem Beth zu bleiben, wo ich auch gespeist, so wie heut; und nun ist der fuß augenscheinlich besser und die Geschwulst fast alle weg; mit nächster Post werde dir mit der hilfe Gottes den fortgang der Besserung meiner Haxen schreiben können.
Se: Ex: graf Pallavicini haben gestern und heut den geistl: Hofmeister des jungen H: grafen zu mir geschickt, mir Doctores und Chirurgos angetragen, ich habe mich für diesmahl bedanckt, da ich es, gottlob, nicht nötig habe. Se: Ex. haben mir ferner seinen Wagen und alles, was wir nothwendig haben, angetragen.
den Wagen habe acceptiert, so bald auszugehen gesünnet bin: und wir werden uns hier etwas lange aufhalten, weil nicht weiter gehe, bis der fuß nicht vollkommen gut ist. ich würde aus Rom nicht gegangen seyn, wenn es nicht wegen der anwachsenden gefahr der Hitze und üblen Luft nothwendig gewesen wäre: und bey diesem allem sind zu iedermans Verwunderung noch immer die Morgen und abend nicht nur frisch sondern so kalt gewesen, daß wir die Nacht, die wir von Rom aus nach Civita Castellana gefahren, unsere Peltz über unsere Mantl angelangt um uns für der Kälte zu schützen; und in Sinegaglia sind wir in der frühe um 8 Uhr mit dem Peltz am leib hineingefahren. Es war unser glück, daß wir die Peltz nicht konnten in das Coffre bringen. ganz Italien verwundert sich über dieses Wetter.
seit 2 tägen fängt es erst an recht warm zu werden.
Wenn der Wolfg: so fortwächst, so wird er zimmlich gross nach Hause kommen.
das düchene neue kleid, so zu Salzbg: gemacht worden, wird er nächsten winter nicht mehr tragen, es war die Veste letzten winter schon zu klein.
Lebt beyde wohl. ich küsse euch beyde und bin dein alter
Mozartmpa.

NACHSCHRIFT MOZARTS AN MUTTER UND SCHWESTER

Ich gratuliere der mama zu dero namensfest, und wünsche das die mama noch möge viel 100 Jahr leben, und imer gesund bleiben, welches ich imer bey gott verlange, und bette alle tag und werde alle tag fleissig für ihnen beyde betten. Ich kan ohnmöglich mit etwas aufwarten, als mit etlichen loreto glökeln und kerzen und häubeln, und flöhe, wenn ich zurückkome, inzwischen lebe die mama wohl, ich küsse der mama 1000 mahl die hände und verbleibe bis in doth
ihr getreuer sohn
Wolfgang MozartMpa.

Cara sorella mia: footnote5
Io vi auguro, che i dio vi dia sempre la salute e vi lasci vivere ancora cento anni, e vi faccia morire quando avrete mille anni.
spero, che voi impararete meglio conoscremi in awenire, e che poi ne giudicarete, come ch`egli vi piace. il tempo non mi permette di scriver molto: la pena non wale un corno, ne pure quello che la dirigge. il titilo dell`opera che hò da comporre à Milano non si sà ancora. addio.

ANGEBLICH AUF DEM UMSCHLAG

Ich habe die Tausend und eine Nacht footnote6 in italienischer Sprache von unserer Hausfrau in Rom zu schenken bekommen; es ist recht lustig zu lesen.

NACHSCHRIFT LEOPOLD MOZARTS

An ganz Salzb: und sonderheitl: an die Mariandeln unser Compte.
schreibe nur immer nach Bologna.
Die 2 unglückl: historien deren, die in ihren Rechnungen footnote7 um einige ziffern zurück geblieben, wunderten mich nicht sehr.
mich wundert vielmehr, daß man, da man beyspiele hat, nicht fleisiger nachsiehet. wie kann es anders seyn? kleine besoldungen! grosse Krüge! und lange durchzüge!
durch [sic, recte: du] hast geschrieben, daß der H: Meissner angelangt und mit dir gesprochen: allein du schreibst mir nicht wo er sich so lange aufgehalten? - ob es wahr, daß er krank gewesen? unser Compt. an ihn.
Bitte benutzen Sie den folgenden Hinweis beim Zitieren dieser Webseite:
Eisen, Cliff et al. Mit Mozarts Worten, Brief 199 <http://letters.mozartways.com>. Version 1.0, herausgegeben von HRI Online, 2011. ISBN 9780955787676.
Mit Mozarts Worten. Version 1.0, herausgegeben von HRI Online, 2011. ISBN 9780955787676.